Toelke trifft… #2
Andreas Toelke über Hadid, Schuhe, Organe und Diktaturen.
Sie ist die Grande Dame der Architektur, die einzige Frau auf dem internationalen Parkett, die „es" geschafft hat. Warum hat es so lange gedauert? „Weil ich kein Golf spiele." So erklärt Zaha Hadid ihre Abwesenheit von reinen Männernetzwerken, die in denen auch mal ein Job beim 18ner Loch vergeben wird.
Die Antwort fiel 2005 bei einem Interview anlässlich einer Ausstellung in Berlin. Es war unser erstes Mal, und das tut bekanntlich manchmal weh. Hadid spricht leise, nuschelt und verdreht die Augen, als fiele sie in den nächsten Sekunden ins Wachkoma. Trotz der Widrigkeiten: Es entwickelt sich ein intensives Gespräch. Über Religion. Und Frauen. Zaha Hadid, mit arabischen (irakischen) Wurzeln, würde gerne an etwas glauben. Es gelänge ihr nicht – so sagte sie damals. Eine Verbindung zur Kultur ist auch ohne Religion da. Lesbar in ihrer opulenten Formensprache, die von Schuhen (Nova für United Nude) über Schmuck (Swarovski) zu Möbeln (Established+Sons) einen hohen Wiedererkennungseffekt hat. Und zur These, sie baue weiblich: Was bitte kann einem anderes als eine Vagina in den Sinn kommen, wirft man einen Blick auf eine Luftaufnahme des WM-Stadiums, das La Hadid in Katar errichten (!) wird. Es ist der gelungene Gegenentwurf zum Fosterschen Pimmel, der London überragt (erstaunlich bei aller ausgeprägten Weiblichkeit, die das hadidsche Schaffen prägt, seit fast 20 Jahren Partner im Büro: Patrick Schumacher - kongeniales Gegenstück zu ihr).
Zurück zum Detail. Das Stadium in Katar ist exemplarisch in punkto hadidscher Formensprache. Und reißt eine weitere Baustelle auf. Denn Zaha Hadid realisiert, wo man sie lässt. Egal, ob in einer Monarchie, die Sklaverei als natürliches Recht ansieht (wie eben in Katar), sei es in einem totalitären Staat wie China. Der Fluch der „ungebauten" und „unbaubaren" Architektin, der sie seit den 80ern begleitete, ist gewichen: Phaeno in Wolfsburg (2005 eröffnet), BMW-Werk in Leipzig (2004), Hungerbahn Innsbruck (2008) – nach der Feuerwache für Vitra in Weil am Rhein (1993) schienen gerade Regionen mit deutscher Zunge von Hadid besessen.
Ein Durchbruch mit internationalen Folgen. „Ich habe rund 950 Projekte in 44 Ländern realisiert", konstatiert sie in Baku bei der Eröffnung des Heydar Aliyev Center. Baku in Aserbaidschan – noch so eine lupenreine Demokratie.
2009 gar Syrien! Drei Jahre später, 2012 in Montpellier bei der Eröffnung des Gemeindezentrums Pierre Vives auf das Engagement im mittlerweile zum Kriegsgebiet verkommenen Staat angesprochen, lenkt Hadid ab: „Da war nichts." Nachgefragt: Ist Architektur politisch? Ihre lapidare Replik: „Es ist nicht an mir, das zu beurteilen."
Festzustellen bleibt: Die Schülerin von Rem Koolhaas baut in China, den Emiraten, Entwürfe für die Staatsbank des Irak warten auf die Realisierung. Aber wer will eine Architektin vorführen, wenn Koolhaas in Moskau und Peking baut, Chipperfield „nur" in China, wenn Speer dort ganze Städte im Omnipotenzrausch realisiert. Die Liste vom Engagement großartiger Architekten in Staaten mit zweifelhaften Regierungsformen lässt sich beliebig ergänzen. Es kann nur die Reduktion auf die Stilfrage bleiben. Und da muss Zaha Hadid einfach zugestanden werden: Sie ist genial. Für Männer und Frauen.
Zaha Hadid: Eine arabische Feministin – so könnte die dekonsturierte Lesart lauten. Und es sind zwei Attribute in einem Satz, die, wenn sie auf einen Menschen bezogen werden, fast Mitleid erregen. Araberin – ok. Feministin – bitte! Auch wenn sich ihr Feminismus „nur" in den Arbeiten manifestiert und das größte persönliche Unglück von Frau Hadid ist, dass sie aufgrund einer Verletzung ihre Manolo-Blahnik High-Heels nur unter Schmerzen tragen kann. Beides zusammen – schwierig.
FOTOGRAFIE Hufton and Crow, Helene Binet, Iwan Baan
Hufton and Crow, Helene Binet, Iwan Baan
Mehr Stories
Vom Altar an die Bar
Wie SICIS das antike Mosaik zeitgenössisch interpretiert
Die Eleganz der Reduktion
Neue Modelle von Jil Sander für Thonet
Hat man in der Hand
Wenn der Türgriff zur Entwurfsentscheidung wird
Zwischen den Fronten
Küchenneuheiten von der Milan Design Week 2026
Zwischen Prunk und Pragmatismus
Badneuheiten 2026 aus Mailand
Vergangenheit als Entwurf
Drei Ausstellungen in Mailand zeigten, wie Archive zu neuen Produkten werden
Gedächtnis der Materialien
Ausstellung über Stahl und Transformation von Wilkhahn
SUVs im Kaufhaus
Der Salone del Mobile 2026 und die Rückkehr der großen Gesten
Zwischen Laufsteg und Leuchte
Unsere Highlights der Milan Design Week 2026
Ein neues Format stellt sich vor
Der Salone Raritas auf der Mailänder Möbelmesse 2026
Eine Designerin, die vermisst wird
Konstantin Grcic und Caroline Perret erinnern sich an Pauline Deltour
Farben als System
Brunner entwickelt modulares Farb- und Designkonzept
Oberfläche mit Haltung
Mosaik als Entwurfsmaterial
Erst Mensch, dann Fläche
Neustart für Activity Based Working
Ode an die Unendlichkeit
Toyo Ito inszeniert das Werk von Andrea Branzi in der Mailänder Triennale
Mehr als nur Oberfläche
Fliesen im Bad: Wie Keramik Räume gestaltet
Kraft der Maserung
Naturstein zwischen Ausdruck und Atmosphäre
Körnung mit Konzept
Mit dem Klassiker Terrazzo moderne Bäder gestalten
Kante an Kante
Der Waschplatz setzt im Bad den Maßstab
Zwischen den Welten
Ein Besuch beim Arts Festival im saudi-arabischen AlUla
Vom Schalterprogramm zum System
Das Gira System 70 verbindet moderne Elektroinstallation mit smarter Gebäudesteuerung
Werkstoff und Oberfläche
Wie die Materialität von modernen Türbeschlägen entsteht
Unsichtbare Architektur im Bad
Bodengleiche Duschen und Entwässerung im Hafenpark Quartier Frankfurt
Licht als Plattform
Light + Building 2026: Vom Leuchtenprodukt zur vernetzten Infrastruktur in der Architektur
Bunt und metallisch
JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT
Textile Grammatik
Wie Stoffe zu Architektur werden
Unter Spannung
Textile Bezüge für Mart Stams Freischwinger-Legende von Thonet
Die Mischung macht’s
Ein Besuch auf der Pariser Designmesse Matter and Shape
Textile Architektur
Bodenbeläge im Objektbereich als strategisches Gestaltungselement
Vom Möbel zur Infrastruktur
Warum das flexible Büro oft scheitert