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Studio Aberja

Räume ohne Dogma

Das Frankfurter Architekturbüro Studio Aberja nimmt Räume ernst. Und das macht ihre Entwürfe so unbekümmert und leicht. Ein Interview.

von Adeline Seidel, 12.08.2020

Das Büro von Studio Aberja befindet sich im urbanen Dazwischen der Mainstadt. Dort, wo Bahnhofsviertel, Messe und Bankentürme zusammentreffen und übergroße Verkehrsschneißen neue städtische Strukturen bilden. Wo es kracht und vibriert, wo es rauscht und röhrt. Es ist das ehemalige Headquarter der Hells Angels, in dem nun Aberja ihre Büroräume untergebracht haben. Ein knarzender, beschaulicher Altbau.

Aberja, das sind Juliane Maier und Robin Heather. Juliane Maier studierte Architektur in Darmstadt und an der Frankfurter Städelschule, lebte im Anschluss sieben Jahre in Amsterdam und arbeitete dort für UN Studio. Wieder zurück in Deutschland, war sie für Franken Architekten in Frankfurt tätig. Dort traf sie Robin Heather. Er studierte zunächst Architektur in Siegen. Nach dem Diplom ging es nach Wien zu Coop Himmelb(l)au. Um seine dort erlernte Expertise in Entwurf, Parametric Design und CAM in einen angewandten Kontext aus Konzept und Materialität zu vertiefen, wechselte er nach drei Jahren zum Atelier Markgraph in Frankfurt. Im Jahre 2016 begann die Solofahrt für Aberja mit dem Projekt Bonechina, eine Bar in Frankfurt.

Wie kamt Ihr auf den Büronamen „Aberja“? Robin Heather: (lacht) ABERJA!
Juliane Maier: „Ja, aber“ oder „Eine gute Idee, aber“ – das „aber“ wird dann meist besonders lang gezogen – hört man so oft in Planungsprozessen. (lacht) Wir wollen dem eine positive Vehemenz entgegenstellen.

Aberja haben in gerade einmal vier Jahren Projekte realisiert, die dem jungen Büro viel Aufmerksamkeit zubrachten – da die von ihnen entworfenen Räume gewohnte Sehmuster verlassen. Ihre Innenarchitektur überrascht, sie ist vielschichtig, farbig und mitunter auch eklektisch. Sie ist eben das, was der Büroname formuliert: ein begeistertes Aberja!

Eure Projekte stechen durch ihre Innenarchitektur hervor. Steht Ihr dieser näher als der Architektur? JM: Als Innenarchitekten würde ich uns nicht bezeichnen. Wir haben uns eine Nische gesucht, in der wir konzeptionell arbeiten können. Und dazu gehören für uns Räume und räumliche Zusammenhänge ebenso wie Farbe, Material und Interieur.
RH: Entwerfen ist wie Schach: Jeder Zug – und sei es nur ein Bauer – hat nun mal eine Auswirkung auf den gesamten Spielverlauf. Jede entwerferische Entscheidung wird auf ihre Konsequenz für das gesamte Projekt durchdekliniert. Das versuchen wir dem Bauherren zu vermitteln. So entsteht eine grundlegende Entwurfsidee, die alle Maßnahmen und Materialien bestimmt – ausgehend von Funktion und Nutzung.

Eure Projekte sind sehr unterschiedlich. Und dennoch meint man, eine Handschrift zu erkennen. Was also zeichnet Eure Architektur aus? Nennt doch bitte ein paar Beispiele. RH: Unsere Entwürfe sind keine Aneinanderreihung von Gestaltungsformalismen, die gerade en vogue sind. Jedem Projekt wohnt eine ihm ganz eigene Idee inne, die oft im engen Austausch mit dem Bauherren entstanden ist.
JM: Sie basiert auf einer genauen Analyse hinsichtlich Bestand und funktionaler Zusammenhänge. Und natürlich auch auf dem vorhandenen Budget. Nehmen wir das Beispiel Antipodean, eine Eisdiele in Frankfurt: Der Verkaufsraum und der Raum für die Eisherstellung sind recht klein. Um mehr Weite zu schaffen, haben wir verspiegelte Kunststoffschwerter an der Decke angebracht. Sie verbinden die Räume und spiegeln das Treiben. Erst nachdem wir dieses Element als „räumliche Basis“ entwickelt hatten, haben wir uns für weitere Farben und Materialien entschieden.
RH:  Beim Mehlwassersalz – ein Cafe samt eigener Bäckerei im Hans Holleins Museum für Moderne Kunst  – war die bestehende, lange Bank an der Wand das Element, das den Entwurf bestimmt. Ihre rote Farbe und der Naturstein prägen den Gastraum und erzählen eine Geschichte. Und sie sind die Grundlage für das Farbkonzept. Die Räume der Bar Bonechina wiederum sind viel zu klein für ein klassisches Lokal. Also haben wir zusammen mit dem Auftraggeber ein neues Konzept entwickelt: eine Bar ohne Bar. Und im Lindley Lindenberg haben wir die gemeinschaftlichen Funktionen des Hotels nicht im Erdgeschoss versteckt, sondern an der schmalen Außenfassade gestapelt, sodass das Besondere des Hotels für alle sichtbar wird.

Die Büroräume von Aberja sind ein begehbares Moodboard, eine große Collage. An Boden und Wänden und Tischen überlagern sich Bilder, Materialproben, Prototypen, Farbmuster – ein Wimmelbild, in dem man immer wieder Elemente einzelner Projekte entdeckt. Wie die Probeläufe der Fliesen, die Robin Heather und Juliane Maier für Bonechina entworfen haben. Die Büroräume wie die Projekte von Aberja betonen die Begeisterung für Materialkompositionen und Farben.

Eure Projekte stechen durch ihre Farbigkeit hervor. Spielt Farbe für Euch eine große Rolle? JM: Farbe und Materialien kreieren Effekte und schaffen Stimmungen. Farbe ist günstig und daher natürlich ein probates Mittel, wenn das Budget beschränkt ist. Dennoch verwenden wir Farbe nicht der Farbe wegen, sondern sie ist eine Konsequenz des jeweiligen Konzeptes.

Kann eine Innenarchitektur heute noch altern oder sind die aktuellen Anforderungen, den passenden „Style“ für die Wiedergabe auf den sozialen Medien zu liefern? JM: Das kommt sicher auf die Bauaufgabe an. Die Innenarchitektur von Hotels, Restaurants, Bars ist ja Teil ihrer Identität, ihrer „Marke“. Damit spiegeln sie auch einen Zeitgeist und eine Identifikation. Aber Nutzer verändern sich und damit auch die Ansprüche und Erwartungen – das bestimmt den Raum und das damit verbundene Erlebnis. Davon abgesehen: Der Verschleiß in einem Hotel ist hoch. In zehn Jahren muss viel ausgetauscht werden.
RH: Aber in einer guten Innenarchitektur gibt es immer Elemente, die bleiben. Die so besonders und hochwertig sind, dass sie in neue Nutzungen oder Raumkonzepte integriert werden können. Wir versuchen von der typisch deutschen Ernsthaftigkeit wegzukommen. Architektur und Innenarchitektur kann lockerer sein, sich selbst nicht so ernst nehmen. Farben, Formen, ja auch Möbel kann man verändern und anders arrangieren. Materialien können nur gut altern wenn sie authentisch sind: Der Gussasphaltboden im Lindley Lindenberg wird jedes Jahr schöner. Und die Massivholzelemente auch.

Welchen Stand hat die Innenarchitektur Eurer Meinung nach in Deutschland? RH: Häufig fehlt der Mut, räumlich etwas zu wagen und auszuprobieren. In anderen Ländern ist man da inspirierter – gerade im Gastro- und Retailbereich. Das hat aber weniger mit der Profession selbst zu tun, sondern mit der landläufigen Meinung, Innenarchitekten hübschen nur den Raum auf. Und natürlich gibt es eine allgemeine Überzeugung, dass man das alles auch selber machen kann. Im Grunde fehlt ein Verständnis dafür, was Innenarchitektur eigentlich ist und sein kann. Innenarchitektur schafft eine übergeordnete, konzeptionelle Struktur, die aus Raum, Material, Licht, Akustik und Ausstattung einen Ort erschafft, der die Anforderungen der Nutzer erfüllt und stärkt. Oftmals kann dies für einen Raum auch einfach nur bedeuten, dass man den Raum genießt und sich gut fühlt. ABERJA! (lacht)

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