Tom Dixon
„Wir dürfen nicht statisch bleiben.“

Tom Dixon hat mit leichten Dingen nichts am Hut. Er setzt mit Vorliebe auf massive Rohstoffe wie Metall, Glas oder Stein – und verwandelt sie in sinnliche Begleiter für den Alltag. Wir trafen Tom Dixon an den Eröffnungstagen des London Design Festival und sprachen mit ihm über rollende Messestände, sportliche Diskos und die Rokoko-Möbel seiner Urgroßmutter.
Das London Design Festival findet in dieser Woche statt. Nach den 3 Days of Design in Kopenhagen das erste Designevent seit Februar. Wie fühlt sich das an? Es fühlt sich etwas unwirklich an. Die Preisverleihung der Goldenen Medaille, die normalerweise immer ein großes Dinner ist, wird nun virtuell abgehalten. Auch sind die meisten Ausstellungen sehr viel kleiner. Wir machen etwas Großes, weil wir mit dem Coal Office ein großes Gebäude haben. Es ist aufregend, endlich wieder etwas in echt zu erleben statt nur auf dem Bildschirm. Wir haben all diese Produkte, die wir bisher nicht zeigen konnten. Es sind ja fünf Messen für uns ausgefallen.
Warum trägt Ihre Ausstellung den Titel Octogon? Wir haben in unseren Räumen acht Themenwelten inszeniert, die die neuen Produkte in den Fokus rücken, von gläsernen Cocktailsets über modulare Sitzmöbel, Leuchten bis hin zu Kerzen und Parfüms. Die Idee zu dieser Präsentation haben wir im Mai in Shanghai ausprobiert. Dort haben wir eine achtseitige Struktur installiert, um all die verschiedenen Facetten unserer Marke auf kleinem Raum zu zeigen. Dieses Oktogon lässt sich flachgepackt in einem Truck verstauen. Dahinter steht die Idee, dass wir zu den Kunden kommen.
Als eine Art rollende Hausmesse? Ja, das klassische Messeformat wird dekonstruiert. Das Problem ist nur die Planung. Denn jedes Mal, wenn man etwas festlegt, ändern sich die Regulierungen und man muss von vorne anfangen oder im schlimmsten Fall für zwei Wochen in Quarantäne. Wenn wir wieder etwas mehr Sicherheit haben, werden wir mit diesem Format in Europa on the road gehen. Ich denke, dass Marken im Moment genau das machen müssen: Wir dürfen nicht statisch bleiben. Wir überlegen, zuerst nach Wien und danach vielleicht auch nach Berlin zu kommen. Es hängt davon ab, wann wir wieder die Erlaubnis erhalten, Events aufzustellen und auf Tour zu gehen. Rock’n’Roll! (lacht)
Welche Spuren wird Covid-19 in der Designwelt hinterlassen? Absurderweise habe ich genau am 11. September 2001 das erste Meeting für die Gründung meines Labels gehabt. Dann kam die Finanzkrise 2008 und nun das Coronavirus. Ich zweifle nicht daran, dass die Dinge wieder ins Lot kommen werden. Damals nicht und heute auch nicht. Aber sie werden definitiv in einer anderen Form wiederkehren. Ich denke, dass es längerfristigere Auswirkungen haben wird als bei früheren Rezessionen. Im Endeffekt werden all jene Dynamiken beschleunigt, die es bereits vorher schon gab. Die Leute reden seit zwanzig Jahren davon, von zu Hause aus zu arbeiten. Doch nun findet es tatsächlich statt.
Wird das Homeoffice auch bei Ihnen den Büroalltag dauerhaft verändern? Ich glaube nicht, dass man ein Unternehmen über Zoom leiten kann. Jedes Meeting und jede Idee fühlt sich gleich an, was sehr ermüdend ist. Das Narrativ geht verloren. So möchte ich keine Firma führen. Da bin ich lieber auf mich alleine gestellt, muss mit niemandem reden und mache die Dinge selbst. Das war auch ziemlich genau das, was ich während des Lockdowns getan habe. Ich habe mir ein Studio auf dem Land genommen und wieder angefangen, Dinge mit meinen eigenen Händen zu machen. Das war großartig. Ich war sehr froh, einen Moment zu haben, in dem ich niemanden um mich herum hatte. Es gab mir die Zeit, darüber nachzudenken, was ich tun muss, um wieder kreativ zu sein.
Und das wäre? Ich denke, dass Kooperationen ohnehin sehr interessant sind für die Designwelt. Und in diesem Moment umso mehr. Denn die Leute müssen etwas enger miteinander zusammenarbeiten, um zu überleben. Eine erste Handlung nach dem Lockdown war, das Pop-up-Restaurant Flora in den Räumen meines früheren Studios im Portobello Dock an der Ladbroke Grove zu eröffnen. Seit dem Umzug nach King’s Cross stehen die Räume leer. Wir sind auf den Vermieter zugegangen und er hat eingewilligt. Dann haben wir alles sehr schnell zusammengestellt mit Leuten, die wir kennen. Es brauchte fünf oder sechs Telefonanrufe und wir konnten loslegen.
Nachhaltigkeit ist eines der Schlüsselthemen im Design. Sie setzen bereits seit Ihren Anfängen auf schwere, massive Materialien, die für eine lange Lebensdauer sorgen. Wieso? Das Interesse an Struktur und einer Integrität der Materialien kommt sicher von der Art, wie ich als Designer begonnen habe. Ich habe nie etwas Theoretisches formuliert, sondern einfach Dinge gemacht. Ich habe noch immer ein Interesse daran, wie und woraus die Dinge hergestellt sind. Ich habe eine ganz klare Vorliebe für rohe, monolithische Materialien – ebenso für außen ablesbare Herstellungstechniken. Darin liegt ein roter Faden, der sich durch alle Projekte zieht, selbst wenn sich deren Ästhetik verändert hat.
Ein Plädoyer gegen die Vergänglichkeit? Ich sehe manchmal Arbeiten von mir in Antiquitätengeschäften. Das ist befremdlich und zugleich auch sehr spannend, weil man ein Gespür für ihren Wiederverkaufswert erhält. Ich lebe noch immer mit den Möbeln meiner Urgroßmutter. Das sind französische Rokoko-Stücke aus dem 18. Jahrhundert, die sie selbst als Antiquitäten gekauft hat. Ich habe darüber nachgedacht, für einige meiner Glasobjekte eine tausendjährige Garantie zu geben. Im Glasmuseum von Venedig steht antikes römisches Glas, das immer noch fantastisch aussieht. Es ist ein beständiges Material – außer man lässt es fallen.
Auch der aus purem Messing gearbeitete Tisch Mass, den Sie gerade in London vorstellen, scheint für die Ewigkeit gemacht. Das Möbel ist ein Experiment in einem hohen Preissegment. Es wird auf Maß gefertigt in Somerset, ganz in der Nähe von Stonehenge. Es besitzt eine monolithische Qualität, indem es aus altmodischen, archetypischen Planken gefertigt ist, die wirklich sehr schwer sind. Es ist fast unmöglich, den Tisch zu bewegen. Ein anderes Produkt ist das Beleuchtungssystem Code, das in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Prolicht aus Österreich entstand. Hier liegt die Nachhaltigkeit nicht darin, dass es einhundert Jahre hält. Es verbraucht einfach sehr wenig Energie und Material. Im Grunde ist dieses System eine Ode an die Leiterplatte.
Inwiefern? Die Leiterplatte ist das Ding, das alles antreibt. Sie hat die moderne Welt erst möglich gemacht. Normalerweise werden die Platinen immer verdeckt – bei Laptops, bei Leuchten, im Auto. Sie regieren die Welt, doch niemand zeigt das. Darum haben wir auf einen Diffusor verzichtet. Jeweils 160 Leuchtdioden sind auf einer runden Platte platziert, die wiederum auf einer Metallschiene sitzt. Aus diesen zwei Elementen – Schiene und Platte – lassen sich verschiedenste Objekte gestalten. Die Leuchten, die wir nun zeigen, sind als Vorschläge gedacht. Die Kunden können noch verrücktere oder zurückhaltende Kompositionen erzeugen. Sie schicken eine Zeichnung per Email und sechs Tage später kann das maßgefertigte System geliefert werden.
Personalisierung ist der neue Trumpf? Nachhaltigkeit ist ein vielseitiges Projekt. Ein Aspekt ist, nichts zu produzieren, bis jemand etwas bestellt hat. Die Made-To-Order-Charakteristik ist in meinen Augen sehr effizient. Wenn man in der Position ist, innerhalb von einer Woche zu liefern, braucht man kein Lager. Auch kann man die Bedürfnisse der Kunden leichter voraussagen und flexibler reagieren.
Wie geht es mit dem Londoner Büro weiter, das zugleich Showroom, Restaurant, Café und Nachtclub ist? Social Distancing bedeutet, dass man weniger Leute in ein Gebäude lassen darf. Weil wir hier viel Platz haben, haben wir Glück. In die Räume, die tagsüber als Büroarbeitsplätze dienen, können wir am Abend Restaurantgäste platzieren. Wenn die Behörden plötzlich vier Meter Abstand zwischen den Menschen vorschlagen, können wir das leicht umsetzen. Letzten Donnerstag kam die Auflage, dass sich ab dieser Woche maximal sechs Personen treffen dürfen. So können wir die Gäste in mehreren Räumen einfach aufteilen.
Und wie steht es mit dem Nachtclub? Wir müssen schauen, ob wir während des Design Festivals Tanzpartys für sechs Personen veranstalten können. Das Soundsystem wartet darauf, bis wir wieder richtig beginnen können – auch wenn ich nicht glaube, dass es vor nächstem Frühling passiert. Für das Musik-und Nachtlebenbusiness ist das ein Desaster. Aber vielleicht können wir etwas anderes machen: Sportübungen sind doch erlaubt, oder? Und Sport und Tanzen sind beinahe dasselbe. Vielleicht eröffne ich einen Fitnessclub mit lauter Musik. Man macht Sport mit fünf Freunden in einem abgedunkelten Raum, doch in Wirklichkeit ist es eine Disko. Man kann die Regeln biegen und innerhalb des Gesetzes arbeiten. So lassen sich Dinge umsetzen, die denselben Output haben wie vor Covid-19.
Tom Dixon
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