Stories

Marseille-Provence 2013: Le Corbusier reloaded

von Claudia Simone Hoff, 29.07.2013


Marseille ist dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas. Dafür wurde in den letzten Jahren kräftig gebaut – mit Architekten wie Kengo Kuma, Foster + Partners, Boeri Studio und Rudy Ricciotti. Doch ein Stern strahlt heller als alle anderen: Le Corbusier. Seine Unité d’habitation im Süden der Stadt hat Architekturgeschichte geschrieben. Zum Kulturhauptstadt-Jahr hat Konstantin Grcic nun eines der Apartments verwandelt, O­ra-Ïto die Turnhalle auf dem Dach zum Ausstellungsraum gemacht und Xavier Veilhan seine Skulpturen aufgestellt. 


Die Kulisse für diese gestalterischen Interventionen ist beeindruckend. Unter einem Dach befinden sich in der Unité d’habitation 337 Wohnungen, ein Hotel, ein Restaurant und andere öffentliche Einrichtungen wie Swimmingpool, Kinderkrippe oder Bäckerladen. Längst ist sie aus einem Dämmerschlaf erwacht, denn die Kreativszene hat das Potenzial des Gebäudes für sich entdeckt.

Ideenfunken

Patrick Blauwart hat nichts mit Architektur oder Design zu tun. Er ist Schauspieler. Zusammen mit Jean-Marc Drut bewohnt er am Ende eines schummrigen Flurs ein Apartment im 5. Stock der Wohnmaschine aus den frühen Fünfzigern. Vor fünf Jahren hatte Patrick eine zündende Idee: Das doppelgeschossige, 98 Quadratmeter große Apartment – das auf der französischen Denkmalliste steht und als eine der wenigen Wohnungen des Komplexes nahezu komplett im Originalzustand erhalten ist  – soll sich in regelmäßigen Abständen in ein Design-Schaukästchen verwandeln. Einen Sommermonat lang, jeweils eingerichtet von einem anderen Designer. Das ist schön, denn fast jeder Besucher der Cité Radieuse ist neugierig darauf, wie es wohl hinter den Betonwänden aussieht. Patrick fragte zuerst Jasper Morrison, ob er sich vorstellen könne, die Wohnung nach seinen eigenen Ideen umzugestalten. Der britische Designer konnte und eine Tradition war geboren: Jeweils von Mitte Juli bis Mitte August führen Patrick und Jean-Marc nun interessierte Besucher durch ihre Wohnung – zuletzt waren es 800, wie der Franzose erzählt. Die eigenen Möbel werden während der Umgestaltungsaktion übrigens im Keller gelagert, um Platz für das Neue zu schaffen.

Deutschland trifft Frankreich

Während Patrick und Jean-Marc mit Jasper Morrison den ersten Designer noch selbst ausgesucht hatten, sind es nun die Designer, die den jeweils nächsten Gestalter auswählen. Nach Morrison waren die französischen Bourroullec-Brüder an der Reihe, die sich anschließend Konstantin Grcic wünschten. Patrick war begeistert, als er die ersten Pläne des Deutschen sah. Dessen stringente Gestaltung im Farbklang Rot, Schwarz und Weiß habe ihn beeindruckt, sagt er. Was er meint, versteht man, wenn man das Apartment betritt: Grcics Arbeiten fügen sich in ihrer Strenge ein in Le Corbusiers Architektur und Interior – als wären sie schon immer hier gewesen.

Im obersten Geschoss des App. No. 50 befindet sich die offene, noch original erhaltene Küche – ein Entwurf von Charlotte Perriand und Le Corbusier – sowie ein runder Tisch, der um die Drehstühle 360° (Magis) ergänzt ist. Der Blick geht von der Empore mit der Leuchte Mayday von Flos auf den unteren Raum, der als Wohnzimmer genutzt wird. Beeindruckend sind nicht nur die lichte Raumhöhe und das riesige Fenster, sondern auch der vorgelagerte Balkon. Hier schützt eine Sonnenstore vor der flirrenden Hitze des Südens, während man auf dem Chair One Cone (Magis) sitzt. Ebenso stringent sind die zwei kleineren Zimmer neben dem Wohnzimmer gestaltet. Im Schlafzimmer thront der Stuhl Myto von Plank vor dem Schreibtisch, im Nebenraum der langgestreckte Tisch Pallas von Classicon, der schön korrespondiert mit der Schmalheit des Zimmers. Hier ist alles so beengt, dass man sich fühlt wie auf einem Schiff. Die niedrige Deckenhöhe, die Enge der Zimmer, die separate Dusche und die Einbauschränke lassen an eine Kajüte denken. Es überrascht also nicht zu hören, dass Le Corbusier Ozeandampfer liebte.

Dachgestaltung der besonderen Art

Wie ein Ozeandampfer mutet von oben gesehen auch die öffentlich zugängliche Dachterrasse der Unité d‘habitation an und zwar wegen der verschieden hohen, skulpturalen Elemente. Hier oben gibt es nicht nur ein Atelier und einen flachen Pool für Kinder samt betonierten Sitzgelegenheiten. Der französische Designer O­ra-Ïto hat die ehemalige, 150 Quadratmeter große Turnhalle auf der westlichen Seite des Dachs gekauft, originalgetreu restauriert und mit Marseille Modulor (MAMO) daraus eine Ausstellungshalle mit angeschlossenem Café gemacht.

Noch bis September werden Halle und großflächige Dachlandschaft mit den Skulpturen des französischen Bildhauers Xaver Veilhan bespielt. Seit 2012 entwickelt er Architectones – eine Serie von künstlerischen Interventionen in Hauptwerken der modernen Architektur wie den Gebäuden von Pierre Koenig und Richard Neutra in Los Angeles. Seine Installationen in Marseille sind das vierte Projekt dieser Reihe. Le Corbusier taucht hier gleich dreimal auf: Im Inneren der ehemaligen Turnhalle als futuristisch anmutende Skulptur aus Aluminium (Le Mobile, 2013), als hellblaue, überlebensgroße Büste (Le Corbusier, 2013) vor der Halle und nicht weit davon entfernt auf einer Bronzeskulptur (Le Corbusier, Jeanneret et Buckminster Fuller, 2013), die in eine monumentale Holzbox (Le Monument, 2013) eingelassen ist. Darauf ist zu sehen, wie der Architektur-Großmeister zusammen mit seinem Bruder Pierre Jeanneret in die Tretboot-Pedale tritt, während Buckminster Fuller auf einem Katamaran die Segel setzt. Da passt es gut, dass man von hier oben einen wunderbaren Blick aufs azurblaue Mittelmeer hat.

Das Ewige und das Ephemere

Die Cité Radieuse ist immer eine Reise wert. Doch dieses Jahr könnte der ikonische Bau lebendiger nicht sein. Zu verdanken ist dies den temporären Interventionen von Konstantin Grcic und Xavier Veilhan. Die unterkühlten Möbel des deutschen Designers und die raumgreifenden Skulpturen des französischen Künstlers ergänzen die Architektur aus den Fünfzigern um ein zeitgenössisches Element. Dass sie einander nicht aneinander reiben, sondern kongenial ergänzen, zeigt ihre außerordentliche Qualität. Architektur, Interior und Kunst werden eins.      



Praktische Informationen

Unité d’habitation/ Cité Radieuse
280, Boulevard Michelet
13008 Marseille

Marseille Modulor (MAMO)
Centre d'art de la Cité Radieuse
Ausstellung Architectones von Xavier Veilhan
bis 30. September 2013
Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Appt. No. 50
Design: Konstantin Grcic
bis 15. August 2013
14 bis 18 Uhr (Führung mit den Hausherren)

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Marseille Modulor

Centre d'Art de la Cité Radieuse

mamo.fr

Architectones/ Xavier Veilhan

www.veilhan.net

Appt. No. 50

www.appt50lc.org

Cellule 516

www.cellule516.com

Hôtel Le Corbusier/ Restaurant

www.gerardin-corbusier.com

Cité Radieuse, Marseille

www.marseille-citeradieuse.org

Fondation Le Corbusier

www.fondationlecorbusier.fr

Marseille-Provence 2013

Capitale Européenne de la Culture

www.mp2013.fr

Mehr Stories

Kreativ und materialverliebt

Fünf spannende Newcomerprojekte vom SaloneSatellite 2024

Fünf spannende Newcomerprojekte vom SaloneSatellite 2024

Porträt eines Drachen

Die Mailänder Triennale würdigt das Werk von Alessandro Mendini

Die Mailänder Triennale würdigt das Werk von Alessandro Mendini

Puristischer Projektor

Mit dem Cine 1 bringt Leica das Heimkino stilsicher in Form

Mit dem Cine 1 bringt Leica das Heimkino stilsicher in Form

Alles Rhabarber

Die Neuheiten vom Salone del Mobile 2024

Die Neuheiten vom Salone del Mobile 2024

Zirkuläres, Erhellendes & Entspannendes

Unsere Highlights der Milan Design Week 2024 – Teil 2

Unsere Highlights der Milan Design Week 2024 – Teil 2

Villen, Leuchten & Materialinnovationen

Unsere Highlights der Milan Design Week 2024 - Teil 1

Unsere Highlights der Milan Design Week 2024 - Teil 1

Hommage an die Natur

Polsterkollektion Siwa von Altherr Désile Park für COR

Polsterkollektion Siwa von Altherr Désile Park für COR

Möbel mit Raumwirkung

more präsentiert seine Neuheiten 2024 in Mailand

more präsentiert seine Neuheiten 2024 in Mailand

Keine Kreislaufprobleme

Vollständig recycelbarer Teppich von Object Carpet

Vollständig recycelbarer Teppich von Object Carpet

Best-of Teppiche 2024

Wie die Kunst auf den Teppich kam

Wie die Kunst auf den Teppich kam

Zweites Leben für Textilien

Das Recyclingsystem ReTurn von Delius

Das Recyclingsystem ReTurn von Delius

Brutalistische Kiefernholzmöbel

Studiobesuch bei Vaarnii in Helsinki

Studiobesuch bei Vaarnii in Helsinki

Best-of Raumausstattung 2024

Neue Tapeten, Farben & Textilien

Neue Tapeten, Farben & Textilien

Formal-Informal

Ligne Roset editiert Michel Ducaroys Polsterprogramm Kashima

Ligne Roset editiert Michel Ducaroys Polsterprogramm Kashima

CO2-Neutral und plastikfrei

Karcher Design setzt Nachhaltigkeit ganzheitlich um

Karcher Design setzt Nachhaltigkeit ganzheitlich um

Perfekte Imperfektion

Sebastian Herkner taucht die Bauhaus-Klassiker von Thonet in neue Farben

Sebastian Herkner taucht die Bauhaus-Klassiker von Thonet in neue Farben

Der Ikea-Effekt

Wenn aus Arbeit Liebe wird

Wenn aus Arbeit Liebe wird

Best-of Outdoor 2024

Möbelneuheiten für das Wohnen unter freiem Himmel

Möbelneuheiten für das Wohnen unter freiem Himmel

Ein Herz für Vintage

Wie der Hersteller COR gebrauchte Möbel neu editiert

Wie der Hersteller COR gebrauchte Möbel neu editiert

Kuratierter Kraftakt

Die Neuheiten der Stockholmer Möbelmesse 2024

Die Neuheiten der Stockholmer Möbelmesse 2024

Die Macht der Visualisierung

Wie Raumplanungen digital zum Leben erweckt werden

Wie Raumplanungen digital zum Leben erweckt werden

Best-of Tableware 2024

Neuheiten für die Küche und den gedeckten Tisch

Neuheiten für die Küche und den gedeckten Tisch

Ein Kessel Buntes in Paris

Die Neuheiten von Maison & Objet und Déco Off 2024

Die Neuheiten von Maison & Objet und Déco Off 2024

Skandinavische Designtradition

Das schwedische Unternehmen Kinnarps im Porträt

Das schwedische Unternehmen Kinnarps im Porträt

Dimensionen der Weichheit

Neuheiten von der imm cologne 2024

Neuheiten von der imm cologne 2024

Bühne für den Boden

Vorschau auf die Domotex 2024

Vorschau auf die Domotex 2024

Was darf ich für Dich tun

KI – Künstliche Intelligenz oder Kreative Invasion?

KI – Künstliche Intelligenz oder Kreative Invasion?

Wrestling & Fabelwesen

Neues von der Design Miami und Alcova Miami

Neues von der Design Miami und Alcova Miami

Alles auf einmal

Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert die Postmoderne

Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert die Postmoderne

Breite Eleganz

Fischgrätplanken von PROJECT FLOORS in neuen Formaten

Fischgrätplanken von PROJECT FLOORS in neuen Formaten