Menschen

Die Designnomadin

Studiobesuch bei Jutta Werner vom Teppichlabel Nomad

Bonbonpapier, Fahrradschläuche und Schaffellreste: Jutta Werner entwirft Teppiche aus Materialien, die andere wegwerfen. Wir haben die Hamburger Designerin in ihrem Studio in Eppendorf getroffen und uns von ihrem Faible für handgewebte Teppiche anstecken lassen.

von Claudia Simone Hoff, 12.05.2022

Es ist ja nicht so, dass es keine Frauen im Teppichdesign gibt. Im Gegenteil: Seit Nani Marquina in den Achtzigerjahren die bis dahin verstaubte und männerdominierte Branche mit Designerteppichen aufmischte, hat sich viel getan. Es gibt einige erfolgreiche Unternehmen, die von Frauen geführt oder gegründet wurden, darunter Reuber Henning und Lyk Carpet aus Berlin. Doch wohl kein Label hat in letzter Zeit solch einen Senkrechtstart hingelegt wie Nomad.

Shooting-Star
Erst vor zwei Jahren von Jutta Werner gegründet, kennt in der Designbranche inzwischen fast jeder das Label Nomad und seine Teppiche. Das überrascht nicht unbedingt. Zum einen, weil Werner in der Designbranche bestens vernetzt ist. Sie hat jahrelang freiberuflich für Hersteller wie Dedon, Rolf Benz und Ligne Roset als Interiordesignerin und Stylistin gearbeitet sowie Messestände und Showrooms gestaltet. Zum anderen, weil sie dem Textilen schon immer zugeneigt war, wie ihre Stationen bei JAB Anstoetz, Carpet Concept und Schlaraffia zeigen. „Ich war immer schon nomadisch unterwegs und habe in ganz verschiedenen Bereichen gearbeitet“, sagt die Designerin. Deshalb heißt ihr Studio seit 2008 Nomad und nun auch ihr Teppichlabel.

„Ich betrachte Themen ganzheitlich“, ergänzt Jutta Werner. Was man auch daran sieht, dass sie nicht einfach nur Teppiche entwirft, sondern sie in ein stringentes Designkonzept einbettet – samt Verpackung, Showroom-Gestaltung, Messeauftritt und Katalog. Mit dem Handwerk des Webens beschäftigt sich Werner seit rund zehn Jahren, seitdem sie erstmals nach Indien fuhr und für Dedon und JAB Anstoetz verschiedene Webereien besuchte. Als sie dann mit einem indischen Fotografen durch den Himalaya reiste, entdeckte sie zufällig Streifen von recyceltem Bonbonpapier, das dort als Paketschnur verwendet wird. Werner war so fasziniert von dem glitzernden Material, dass sie es mitnahm und zusammen mit einer Weberei überlegte, wie man es am besten zu einem Teppich verweben könnte.

Bonbon c’est bon
Jutta Werner hat für ihr Label Nomad bisher drei Teppichkollektionen entworfen: Candy Wrapper Rug, Rubber Rug und Coco Rug. Allen gemein ist ihr subtiles Design. Wirken die Teppiche auf den ersten Blick beinahe unscheinbar, offenbaren sie bei näherem Hinsehen einen Wow-Effekt, der aus der Kombination ungewöhnlicher Farben, Materialien und Handwerkstechniken entsteht. „Die drei Kollektionen sind gleichzeitig drei Archetypen“, sagt Werner, die eigentlich Architektin ist. „So wie der Rubber Rug, der auch für den Outdoor-Bereich geeignet ist und mit seinen verwebten und recycelten Fahrradschläuchen sehr rough und architektonisch wirkt.“ Oder der Coco Rug, der durch die verwendeten Schaffellreste weich und flauschig wird, was mit den harten Fransen aus PVC kontrastiert. Und dann ist da noch der spielerische Candy Wrapper Rug, der Nomad zum Durchbruch verholfen hat. Weil er ziemlich extravagant ist mit dem recycelten, glitzernden Bonbonpapier aus dem Himalaya. „Zuerst hatte ich nur ein einziges Sample aus einem Schurwolle-Blend“, erzählt Werner. Das präsentierte sie kurzerhand 2018 auf der Domotex in Hannover, wo ein indischer Weber mit eigener Manufaktur ihren Teppich entdeckte und sich schockverliebte. Er produziert ihre Teppiche bis heute, was viel handwerkliches Geschick und Know-how erfordert.

Das andere Eppendorf
Dass Jutta Werner eine begnadete Geschichtenerzählerin ist, entdecken wir, als wir sie an einem schönen Sonnentag in ihrem Studio in Hamburg besuchen. Sie residiert mit ihrem Label im vornehmen Eppendorf – die Straßen hier sind gesäumt von blütenweißen Villen aus der Jahrhundertwende, Jeeps parken vor den Hauseingängen. Das Haus in der Oberstraße 82 ist auf den ersten Blick nicht ganz so Kensington like, dafür aber umso charmanter. Der Showroom von Nomad ist im ersten Stock untergebracht – knarzende Holzdielen, handbemalte Wände und Blick in den Garten inklusive. Ein wenig Shabby Look, ein wenig Tropical Style, ein paar Designtrouvaillen. Und mittendrin die Teppiche von Nomad, zusammengerollt in offenen Regalen, auf Stangen hängend, auf dem Dielenboden liegend. „Ich möchte, dass meine Teppiche einen Raum nicht nur optisch verschönern“, sagt Werner. „Sie sollen auch eine gute Energie erzeugen.“ Dass das ziemlich gut funktioniert, kann man auch im Dachgeschoss sehen, in dem das Office untergebracht ist und wo ein Candy Wrapper Rug mit dem Sessel Togo von Ligne Roset in Knallgelb harmoniert. Unter dem Dach übernachtet die 52-Jährige auch manchmal, wenn es wieder zu spät geworden ist, um noch zurück in ihr Architektenhaus südlich von Hamburg zu fahren. Dort lebt sie mit ihrem Mann, dem Industriedesigner Christian Werner, während die vier gemeinsamen Söhne inzwischen ausgezogen sind.

Mit Seelenverwandten
Jutta Werner mag das Spielerische, ist gern unterwegs und geht unbefangen und neugierig auf andere Menschen zu. So hat sie ihr Label Nomad im letzten Jahr auf den 3 days of design in Kopenhagen präsentiert und auch bei der Designausstellung Alcova während des Fuorisalone. Dabei hat Mailand ihr neue Türen geöffnet: Sie lernte Designstudios wie llot llov aus Berlin und MUT Design aus Valencia kennen, mit denen sie gerade an einem neuen Projekt arbeitet, das im Herbst fertig sein soll. Nur so viel verrät sie: Es werden keine Teppiche sein, dafür ziemlich ungewöhnliche Accessoires. Neben Designveranstaltungen ist es ein eigenes Format, das Werner besonders am Herzen liegt und das sie Soulmates genannt hat. Dafür bringt sie die Teppichkollektionen von Nomad mit Menschen und Labels zusammen, bei denen ebenfalls das Handwerk im Fokus ihres Tuns steht, die Sinn für Qualität und gute Gestaltung haben. Werner engagiert renommierte Fotograf*innen, es entstehen neue Bilder durch unerwartete Arrangements – eine clevere Form von Marketing, ebenso subtil und ästhetisch ansprechend wie ihre Teppiche. So hat Werner beispielsweise mit dem Schweizer Möbelhersteller USM kooperiert, dessen kühle, metallene Sideboards und Schränke gut passen zum flauschigen Coco Rug oder fast fancy wirken mit den silbern schimmernden Fransen des Candy Rubber Rug. Dass ihr das Handwerk besonders am Herzen liegt, zeigt Werners aktuellste Kooperation mit dem von Anita Hansen gegründeten Berliner Galerielabel hvíla editions. Erstaunlich, wie gut die in Äthiopien handgewebten Textilschirme der Leuchte Nebule von hettler.tüllmann oder der skulpturale Beistelltisch Notch von Dan Yeffet aus Bronze mit den Teppichen von Nomad harmonieren. 

Passion und Durchhaltewillen
Alle drei Teppichkollektionen verkaufen sich gleich gut, erzählt Jutta Werner. Worauf die Designerin besonders stolz ist: Ihre Teppiche werden von jungen und alten Menschen gekauft, quer durch alle Gesellschaftsschichten, wobei 50 Prozent Sonderbestellungen sind. Nomad stattet auch Projekte wie beispielsweise Hotels aus. Doch was nach außen so mühelos wirkt, ist harte Arbeit. „Eine Marke aufzubauen, ist der reinste Wahnsinn“, sagt die Designerin. Was sie damit meint: den zeitlichen und vor allem auch finanziellen Aufwand, den Durchhaltewillen, den es braucht, ohne dass erst einmal viel Geld hereinkommt. Gerade in Zeiten, wo Lieferketten aufgrund von Pandemie und Ukraine-Krieg unterbrochen sind, Container und Rohstoffe sich laufend verteuern. Kein Wunder, dass viele Designer und Labels auf halber Strecke aufgeben. Doch Jutta Werner ganz bestimmt nicht – ihre Teppich-Design-Geschichte hat gerade erst Fahrt aufgenommen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Nomad Studio

www.nomad-studio.de

Die Frauen kommen!

Wie Unternehmerinnen und Designerinnen das tradtitionelle Teppich-Business aufwirbeln

www.baunetz-id.de

Mehr Menschen

Der Fliesenmacher

Wie Edgard Chaya in Beirut eine Zementfliesenfabrik aufbaute

Wie Edgard Chaya in Beirut eine Zementfliesenfabrik aufbaute

„Wir müssen Verantwortung übernehmen“

Lars Engelke, CEO von Object Carpet, über Wertstoffkreisläufe bei Bodenbelägen

Lars Engelke, CEO von Object Carpet, über Wertstoffkreisläufe bei Bodenbelägen

Langlebig, aber nicht langweilig

Das Designstudio Big-Game im Gespräch

Das Designstudio Big-Game im Gespräch

Exotik im Alltag

Nachruf auf den brasilianischen Designer Fernando Campana (1961-2022)

Nachruf auf den brasilianischen Designer Fernando Campana (1961-2022)

Aus Liebe zum Holz

Benno Thaler von Zitturi über Massivholz in der Architektur

Benno Thaler von Zitturi über Massivholz in der Architektur

Nähe, Frische und Substanz

Leo Lübke über Strategien der Nachhaltigkeit bei COR

Leo Lübke über Strategien der Nachhaltigkeit bei COR

Sitzen mit Matisse

Ein Gespräch über kreative Produktinszenierung beim Möbellabel more

Ein Gespräch über kreative Produktinszenierung beim Möbellabel more

Zukunftsweisende Ergonomie

Interview mit Kim Colin von Industrial Facility

Interview mit Kim Colin von Industrial Facility

Menschliche Räume

Der Mailänder Innenarchitekt Hannes Peer im Gespräch

Der Mailänder Innenarchitekt Hannes Peer im Gespräch

Ausweitung der Perspektiven

Andrés Reisinger über digitale Möbel und Architektur im Metaverse

Andrés Reisinger über digitale Möbel und Architektur im Metaverse

Gestalterische Vielseitigkeit

Studiobesuch bei Mark Braun in Berlin

Studiobesuch bei Mark Braun in Berlin

Ukrainische Perspektiven #2

Der Architekt Slava Balbek von balbek bureau im Gespräch

Der Architekt Slava Balbek von balbek bureau im Gespräch

Ukrainische Perspektiven #1

Ein Interview mit Kateryna Vakhrameyeva von +kouple

Ein Interview mit Kateryna Vakhrameyeva von +kouple

Authentische Raumcollagen

Ein Gespräch mit dem Modiste-Gründer Marick Baars

Ein Gespräch mit dem Modiste-Gründer Marick Baars

Suche nach dem magischen Moment

Der spanische Architekt Raúl Sánchez im Gespräch

Der spanische Architekt Raúl Sánchez im Gespräch

Beyond the Wilderness

Das finnische Designerpaar Mia Wallenius und Klaus Haapaniemi

Das finnische Designerpaar Mia Wallenius und Klaus Haapaniemi

Der Libanon als Narrativ

Studiobesuch bei Adrian Pepe in Beirut

Studiobesuch bei Adrian Pepe in Beirut

Leuchtende Symbolik

Nanda Vigo-Retrospektive im madd-bordeaux

Nanda Vigo-Retrospektive im madd-bordeaux

„Es ist toll, wenn ein Haus ein Abenteuer bleibt“

Interview mit Thomas Kröger

Interview mit Thomas Kröger

Pool mit Korallenriff

Unterwasser-Designerin Alex Proba im Interview

Unterwasser-Designerin Alex Proba im Interview

Jäger und Sammler

Sebastian Herkner über die neue Form der Aufbewahrung 

Sebastian Herkner über die neue Form der Aufbewahrung 

Textile Reise nach Persien

Hadi Teherani und Camilla Fischbacher über die Kollektion Contemporary Persia

Hadi Teherani und Camilla Fischbacher über die Kollektion Contemporary Persia

Grenzen verschieben

Die niederländische Designerin Sabine Marcelis im Gespräch

Die niederländische Designerin Sabine Marcelis im Gespräch

„Im Design fehlen die weiblichen Vorbilder“

Ein Gespräch mit Simone Lüling und Joa Herrenknecht von Matter of Course

Ein Gespräch mit Simone Lüling und Joa Herrenknecht von Matter of Course

Frischer Wind bei USM

Katharina Amann über ihre neue Rolle beim Schweizer Möbelhersteller

Katharina Amann über ihre neue Rolle beim Schweizer Möbelhersteller

Die Couch-Versteher

Dario Schröder über die Erfolgsstory von Noah Living

Dario Schröder über die Erfolgsstory von Noah Living

Braucht man wirklich einen neuen Teppich?

Die Innenarchitektin Monika Lepel im Gespräch

Die Innenarchitektin Monika Lepel im Gespräch

Schattenmeister

Der spanische Innenarchitekt Francesc Rifé im Gespräch

Der spanische Innenarchitekt Francesc Rifé im Gespräch

Startpaket für nachhaltige Innenarchitektur

Ein Gespräch mit BDIA-Präsidentin Pia A. Döll

Ein Gespräch mit BDIA-Präsidentin Pia A. Döll

An Leder kommt man nicht vorbei

Im Gespräch mit Andrea Probst von Leder Probst

Im Gespräch mit Andrea Probst von Leder Probst